Steuerberater sind am Limit

Ein Interview mit dem Präsidenten der Bundessteuerberaterkammer der Welt am Sontag vom 28.11.2021

Pandemie und Corona-Hilfen haben zu einer extremen Belastung geführt, sagt Kammerpräsident Hartmut Schwab. Nun müssen die Berater zigfach Immobilieneigentum bewerten

Bei der Bundessteuerberaterkammer gehen viele Protest-Mails und -Anrufe aus den Reihen der 100.000 Steuerberater ein. Ihr Präsident Hartmut Schwab hat viel zu tun, den Ärger zu kanalisieren. Zu seiner Freude wurde jetzt eine Abgabefrist in Zusammenhang mit den Corona-Hilfen verlängert.

WELT AM SONNTAG: Herr Schwab, SPD, Grüne und FDP planen entgegen den Wahlversprechen doch keine Steuersenkungen für kleine und mittlere Einkommen. Enttäuscht?

HARTMUT SCHWAB: Es ist schade, dass man sich nicht auf eine umfassende Einkommensteuerreform einigen konnte. Dass bereits ein Facharbeiter mit einem zu versteuernden Jahreseinkommen von knapp 60.000 Euro auf einen Teil davon einen Steuersatz von 42 Prozent zahlt, sorgt in der Beratungspraxis immer wieder für Frust.

Hätten gut verdienende Mandanten mit mehr als 100.000 Euro Einkommen im Gegenzug einen höheren Satz von 45 Prozent akzeptiert?

Davon gehe ich persönlich aus. Der Großteil der Bezieher hoher Einkommen hätte mit einem etwas höheren Spitzensteuersatz weniger ein Problem, wenn dafür gleich auch der Rest- Soli für sie abgeschafft würde. Das eine bedingt aber klar das andere.

Sie als Steuerberater sind nah dran an den Unternehmen im Land. Wie geht es der deutschen Wirtschaft nach 21 Monaten Pandemie?

Der Wirtschaft geht es grundsätzlich ganz gut. Die Lieferengpässe machen den Unternehmen mehr zu schaffen als die Pandemie, bestimmte Produkte und Materialien sind einfach nicht mehr verfügbar.

Seit dem ersten Lockdown wird eine Insolvenzwelle befürchtet. Kommt die noch?

Ich erwarte keine Insolvenzwelle mehr. Wo Einbußen waren, ist der Staat eingesprungen und hat den Un-ternehmern mit den vielfältigen Corona-Hilfen unter die Arme gegriffen. Zum Teil gab es sogar mehr, als eigentlich notwendig gewesen wäre.

Sie meinen, da haben einige ein gutes Geschäft mit den Hilfen gemacht?

Die November- und Dezemberhilfen für Gastronomen und Veranstaltungsbetriebe im Vorjahr waren ein Quäntchen zu viel, da wurde die Wirtschaft eigentlich überfördert. Das wurde aber schnell korrigiert.

Kann der Staat bereits ausgezahlte Zuschüsse zurückfordern?

Wenn das Geschäft in den Hilfemonaten besser lief als befürchtet, kann es zu Rückzahlungen kommen. Bei den November- und Dezemberhilfen ist das aber nicht zu erwarten. Deren Höhe richtete sich allein nach dem Umsatz der entsprechenden Vorjahresmonate aus dem Jahr 2019, der stand fest.

Wann wissen Unternehmen, ob sie das Geld behalten dürfen?

Der entscheidende Tag ist der 31. Dezember 2022. Bis dahin muss jeder Hilfeempfänger dem Staat seine Schlussrechnung präsentieren. Die Frist wurde gerade um ein halbes Jahr verlängert. Ursprünglich wollte der Staat schon bis Ende Juni nächsten Jahres wissen, wie viel Geschäft in der Krise tatsächlich gemacht wurde. Dann wird klar, wer zu viel, wer zu wenig Geld erhalten hat. Die ursprünglichen Auszahlungen beruhten vor al-lem auf Prognosen. Ich gehe davon aus, dass es sowohl Erstattungen als auch Nachzahlungen geben wird.

Alles muss über Steuerberater laufen. Gab es schon mal eine solche Sonderkonjunktur für die Branche?

Natürlich bekommen wir dafür ein Honorar. Aber es ist nicht so, dass die Corona-Hilfen für uns ein besonders lukratives Geschäft sind. Zumal anderes dafür liegen bleibt. Seit Beginn der Pandemie arbeiten die Steuerkanzleien am Limit. Wie beim Krankenhauspersonal sind auch in den steuerberatenden Berufen viele ausgebrannt, sie bräuchten dringend Urlaub und Erholung. Es haben sich massiv Überstunden aufgebaut. Das wird leider oft übersehen – auch von der Politik.

Was fordern Sie?

Wir fordern von der neuen Regierung, dass sie weitere Fristen verlängert. Bislang müssen bis zum 31. Dezember die Jahresabschlüsse kleiner und mittelgroßer Kapitalgesellschaften fertig sein, die im Bundesanzeiger veröffentlicht werden müssen. Ab Januar läuft die neue Überbrückungshilfe IV. Und zwischendurch müssen bis Ende Mai die normalen Steuererklärungen für 2020 vorliegen.

Welche neuen Fristen sind aus Ihrer Sicht realistisch?

Dringend ist jetzt eine Fristverlängerung bei der Offenlegung der Jahresabschlüsse um ein halbes Jahr. Für die Steuererklärungen 2020 wäre eine Verlängerung bis Ende August 2022 hilfreich – so, wie es auch in diesem Jahr der Fall war. Anders wird es nicht gehen. Ab Sommer wird uns dann auch noch das Megathema Grundsteuerreform auf Trab halten.

Die Grundsteuerreform ist doch erst für 2025 geplant.

Aber bereits im nächsten Jahr sollen alle 36 Millionen Grundstückseinheiten in Deutschland neu bewertet werden, da zählen auch Eigentumswohnungen dazu. Die Gemeinden brauchen diese Daten, um in Vorbereitung der Reform ihre Hebesätze neu zu justieren. Dafür muss jeder Eigentümer die Grundstückswerte elektronisch beim Finanzamt angeben. Dafür ist der Zeitraum von Anfang Juli bis Ende Oktober vorgesehen.

Wie wird das genau laufen?

Jeder Immobilieneigentümer wird im kommenden Jahr von seinem Finanzamt aufgefordert, eine Grundsteuererklärung abzugeben. Das Problem ist nicht die Erklärung an sich, die ist einfach. Das Problem ist, sich die dafür notwendigen Daten zu beschaffen. Wie hoch liegt der Bodenrichtwert, wie hoch ist der Grundstücksanteil, wie groß die relevante Wohnfläche? Die meisten Bürger dürften damit zum Steuerberater gehen. Wir sind gerade dabei, uns Zugriff auf die entsprechenden Datentöpfe zu verschaffen.

Was passiert, wenn ein Eigentümer der Aufforderung des Finanzamts nicht nachkommt?

In letzter Konsequenz könnten Finanzämter ein Zwangsgeld verhängen. Wobei die Signale aus der Politik so sind, dass man zunächst Milde walten lassen wird. Wer keine Grundsteuererklärung abgibt, wird irgendwann geschätzt werden.

Keiner muss mehr bezahlen, so lautet das Versprechen der Politik. Wird das gelingen?

Das wird nicht gelingen. Einige Immobilieneigentümer werden nach der Reform mehr Grundsteuer zahlen, andere dafür weniger.

Hartmut Schwab

Hartmut Schwab

Präsident der Bundessteuerberaterkammer

Hartmut Schwab studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg. Er wurde im Jahr 1989 zum Steuerberater bestellt und trat ein Jahr später in die väterliche Kanzlei ein, die er 1991 übernahm. Seitdem arbeitet Schwab als selbstständig niedergelassener Steuerberater. Seit 2019 ist er ehrenamtlicher Präsident der Bundessteuerberaterkammer in Berlin, der gesetzlichen Spitzenorganisation der 21 Steuerberaterkammern in Deutschland. Sie nehmen die beruflichen Interessen aller Steuerberater wahr.